"Frieden - ein Fremdwort?"

Podiumsdiskussion im Rathausfestsaal zu Münster

24. September 2014

 

 

Foto: Oliver Werner, WN

 

"Frieden - Kein Fremdwort, aber viel zu selten Realität"

In einer lebhaften Diskussion haben Vertreter aus Wissenschaft, Diplomatie, Medien und dem humanitären Hilfsbereich über Chancen und Gefahren des weltweiten  Friedens debattiert. Die von der Deutschen Initiative für den Nahen Osten (DINO) ausgetragene Veranstaltung im Festsaal des münsterschen Rathauses fand am 24. September 2014 unter dem Motto „Frieden - ein Fremdwort?“ statt.
Eindringlich appellierten die Teilnehmer daran, Frieden nicht nur mit militärischen Mitteln durchzusetzen, sondern auch sogenannte weiche Faktoren in den Blick zu nehmen. 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkrieges diskutierten sie in der Stadt des Westfälischen Friedens, warum sich immer mehr Konflikte weltweit häufen. Moderiert wurde die Diskussion von DINO-Sprecher Manfred Erdenberger.


In einem Brief zur Veranstaltung ließ Bundespräsident Joachim Gauck erklären:

"Der Bundespräsident wünscht sich wie Sie einen dauerhaften und gerechten Frieden für den Nahen Osten - für die Menschen in Israel und in den Palästinensischen Gebieten sowie im Irak. Um diesen zu erreichen, unterstützt der Bundespräsident gerade Initiativen aus dem Bereich der Nichtregierungsorganisationen wie etwa die "Deutsche Initiative für den Nahen Osten."

M. Kock verlas das Grußwort von H. Kraft

Ministerpräsidentin Hannelore Kraft schrieb in einem Grusswort, das vor der Diskussion verlesen wurde,  u.a.:

„Dass Frieden ein Fremdwort ist, ist eine menschliche Erfahrung, die sich wie eine rote Linie durch die gesamte Weltgeschichte zieht.Warum lernen die Menschen nicht endlich aus der Geschichte? Warum sind Dialog und Partnerschaft offenbar schwächer als Ideologie und Fanatismus?“

MP Hannelore Kraft bei der Nahostpreis-Verleihung 2013 (Foto: Hegert)

Frieden dürfe kein Fremdwort bleiben, niemand dürfe sprachlos vor diesem Grauen des 21. Jahrhunderts stehen. „Und deshalb freue ich mich darüber, dass die Deutsche Initiative für den Nahen Osten mit ihren Gästen den Versuch unternimmt, die Ursachen für die Kriege der Gegenwart und mögliche Wege für einen dauerhaften Frieden in den Krisengebieten der Welt auszuloten.“

 

 

 

Bürgermeisterin W.-B. Vilhjalmsson

In ihrer Begrüßung erinnerte Bürgermeisterin Wendela-Beate Vilhjalmsson die Gäste daran, dass Münster als Stadt des Westfälischen Friedens in besonderer Weise dem Thema Frieden verbunden sei. „Wir fühlen uns in unserem Handeln und Denken den Prinzipien verpflichtet, die schließlich zum Friedensvertrag 1648 und zu einer Neuordnung der politischen und religiösen Verhältnisse führten.“ Dabei sei besonders wichtig, dass Frieden kein Automatismus sei. „Frieden will jeden Tag neu errungen werden.“ Dies sei im Privatleben genauso wie auf nationaler oder internationaler Ebene.

Auf die Frage, ob Frieden mittlerweile wirklich ein Fremdwort ist, zeigte sich Dr. Tono Eitel, früherer Botschafter im Libanon und bei den Vereinten Nationen, skeptisch. „Denn das, was man nicht hat, aber was man begehrt, wird viel häufiger bedacht als das, was man gewohnheitsmäßig bei sich hat“ sagte er. In Regionen, wo Krieg herrsche, werde das Wort ‚Frieden‘ mindestens genau so häufig besprochen wie andere Begriffe. Die ausbleibende Verwirklichung des Wortes in so vielen Landstrichen der Erde lasse einen allerdings an der Bedeutung zweifeln.

Unzufrieden im Umgang der Staatengemeinschaft mit der Bedrohung durch die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ zeigte sich Prof. Dr. Joachim Gardemann, Leiter des Kompetenzzentrums Humanitäre Hilfe in Münster. Die Vereinten Nationen verfügten über alle nötigen Instrumente der Friedenssicherung, ohne, dass diese bislang zum Einsatz kämen. „Wir haben jetzt eine einmalige Chance in der Weltgeschichte. Wir haben eine Situation, wo eigentlich alle rechtstreuen Staaten der Welt einem bewaffneten Mandat zustimmen würden.“ Dass trotzdem ohne UN-Mandat vorgegangen werde, sei nicht nachvollziehbar.

M. Erdenberger, S. Koelbl

Die Spiegel-Korrespondentin Susanne Koelbl erinnerte sich daran, dass sie selbst in einer
Zeit aufgewachsen sei, in der Frieden selbstverständlich gewesen sei. Mittlerweile habe sie als Journalisten viele Krisenländer bereist - zuletzt den Iran, Syrien und Libyen - sodass sie zu dem Schluss komme: „Der Friede, den wir kannten, den werden wir so nicht behalten können. Die Zeit, die ich noch auf dieser Welt leben werde, halte ich für wesentlich unfriedlicher als die, die ich bislang erlebt habe.“

Die Entscheidung für militärische Interventionen bezeichnete Thomas Nehls, ehemaliger ARD-Korrespondent, als „Mangel an Kreativität“. Bei solchen Aktionen seien die Handelnden auch immer von eigenen Interessen wie etwa der heimischen Rüstungsindustrie beeinflusst. Was die UN angehe, habe diese auch Frieden erreicht wie etwa in Ost-Timor, Sierra Leone oder in Angola. In vielen anderen Fällen seien Entscheidungen allerdings durch die Veto-Mächte im Sicherheitsrat verhindert worden.

Prof. M. Quante

Der stellvertretende geschäftsführende Direktor des Philosophischen Seminars an der Uni Münster, Prof. Dr. Michael Quante, stellte sich die Frage, wie viel jeder Einzelne von uns bereit sei, einen Beitrag zum Frieden zu leisten. „Wenn Frieden etwas kosten sollte, wie viel Frieden will dann jeder“, sagte er. Wie viele Konflikte würden die Menschen aushalten, die sich aus einer Pluralität ergäben und wie viel Instabilität würden sie zulassen, die durch Zuwanderung entstehe. Auch die tödlichen Unglücke mit Flüchtlingen im Mittelmeer seien eine Folge der Konfliktlagen. Die Bereitschaft hierzulande zum Handeln sei allerdings nicht all zu groß. „Ich sehe nicht, dass wir in einer Gesellschaft leben, wo wir mit offenen Armen bereit sind, auch nur ein  Hundertstel dessen zu tun, was die ärmsten Länder in den Regionen bereit sind zu tun.“

Nach Einschätzung Quantes war Frieden zumindest in unserer Gesellschaft lange Zeit kein Fremdwort - im Gegenteil, eher der Krieg sei ein „nebulös unvorstellbarer Begriff“ gewesen. Den einen Frieden gebe es sowieso nicht. Es müsse unterschieden werden zwischen der Abwesenheit militärischerer Kampfeinsätze, dem sozialen Frieden, dem inneren Seelenfrieden und dem kulturell-zivilisatorischen Frieden.

Th. Nehls, M. Erdenberger

Geht es um die Ursachen von Kriegen, kamen die Podiumsteilnehmer immer wieder auf das Thema Religion zu sprechen. Konfliktteilnehmer seien immer von Interessen geleitet und zwischen den Religionen bildeten sich stets Fronten, die nicht überwunden werden könnten, sagte Diplomat Eitel. Im Endeffekt müsse daran gearbeitet werden, dass Religion nicht mehr die Bedeutung habe, die sie noch besitze. Zwar sei es wichtig, die Religion zu überwinden, sagte Spiegel-Korrespondentin Koelbl. Doch eigentlich handele es sich meist um einen „Kampf um Gerechtigkeit und Anerkennung“. An dieser Stelle hakte Philosoph Quante ein. „Mittelfristig kann man Befriedung nur erreichen durch zivilgesellschaftliches Engagement.“ Den Menschen müsse eine Perspektive gegeben werden, damit sie sich anerkannt fühlten. Nur dadurch werde das „Fanatisierungspotenzial“ gar nicht erst geweckt.

S. Koelbl

 

Was die Rolle der Medien angeht, wies Koelbl darauf hin, dass es für sie als Journalistin nicht immer einfach sei, in den Krisenregionen so zu arbeiten, wie sie es eigentlich gerne tun würde. So gebe es Gebiete, in die man nicht mehr reisen könne. „Es ist gar nicht möglich mit manchen Menschen ins Gespräch zu kommen, weil man es nicht überleben würde.“ Nach Einschätzung von Nehls gibt es aber nicht das Problem von zu wenig Informationen - im Gegenteil. „Die Menschen fühlen sich überfüttert.“ Viele suchten allerdings nur die schnellen Antworten auf komplexe Themen, was nicht möglich sei.

 

 

Podium (Foto: Oliver Werner, WN)